Glück in der Liebe

Novellette von Paul Bliß
in: „Grand Island Anzeiger und Herold” vom 11.12.1896


Es war bereits fünf Uhr Morgens, als Baron Zack-Zackenorf den Klub verließ.

Der Tag war längst angebrochen, auf den Straßen tummelten sich bereits Hunderte, die ihren Geschäften nachgingen.

Baron Zack fühlte sich äußerst unbehaglich. Er hatte gespielt und wie gewöhnlich mit Unglück; diesmal aber waren die Verluste derartig groß, daß ihm bänglich zu Muthe wurde; zwar konnte er noch diesmal seinen Verpflichtungen nachkommen, dann aber war er fertig — ruinirt!

Was nun? Was nun?

„Lieber Baron, Sie müssen ja immer verlieren, Sie haben zu viel Glück in der Liebe!” — Diese Worte fielen ihm jetzt wieder ein, — der alte Graf hatte sie heute Nacht lächelnd hingenäselt, — und über diesen Gedanken brütete er nun.

Glück in der Liebe — ja, er hatte es auch wirklich. Wohin er nur immer gekommen war, stets war er als Sieger gekommen.

Mit einem Male kam ihm der erlösende Gedanke: eine reiche Heirath!

Natürlich! Und zwar ohne langes Besinnen. Die schnellen Entschlüsse waren noch immer die besten.

*           *           *

Ein halbes Jahr später war baron Zack-Zackendorf verheirathet. Seine Frau war ein Waise, von altem Adel und mit großem Vermögen. Sie war aber auch jung und schön, war geistvoll und von vornehmer Bildung und sie liebte den Baron.

„Dieser Zack hat doch, weiß Gott, Glück in der Liebe,” sagte man im Klub, als die näheren Verhältnisse dieser jungen Ehe dort bekannt und besprochen wurden.

Der Baron indessen war nicht glücklicher und nicht unglücklicher, als er es ehedem gewesen war. Er hatte mit kluger Vorsicht die reichste seiner Anbeterinnen heimgeführt, denn er sagte sich, wenn man sich schon mal verkauft, dann wenigstens so theuer wie nur möglich.

Die Ehe war nach außen hin eine glückliche, im Hause aber blieb manches zu wünschen, denn der Baron verstand es nicht, in zarter Weise Rücksicht auf seine junge Frau zu nehmen, er, der alle Schwächen des Weibes kannte oder doch zu kennen glaubte, er scheiterte an seinen eigenen Grundsätzen.

Die Baronin ertrug alles mit Geduld, sie sagte ihm nie ein böses Wort, sondern immer fand sie Entschuldigungen für sein oft rauhes Wesen, — sie liebte ihn und wartete geduldig, bis auch er lernen würde, sie zu lieben.

Man führte das Hauswesen in großem Stil. Gäste kamen und gingen. Fast nie war das junge Ehepaar allein. Ein Fest folgte dem andern und das Geld rollte nur so zum Haus hinaus.

Der Baron verstand zu leben, aber nicht zu rechnen. Sein eigenes Vermögen war bereits vergeudet, nun warf er das Geld seiner Frau hinaus.

Auch dazu schwieg die junge Frau, weil sie das Vergnügen des Mannes, den sie liebte, nicht stören wollte. Sie kannte diesen Mann genau: wohl war er flott und leichtlebig, weil er so erzogen war, im Grunde aber war er ein guter Kerl, der ein Herz hatte — und deshalb wartete sie geduldig, denn sie fühlte es, daß er eines Tages, wenn das Leben und Treiben der großen Welt ihn anekeln,[ sic! D.Hrsgb.] zu ihr kommen und bei ihr den Frieden suchen würde für seine wunde Seele.

So vergingen zwei Jahre.

Da begann die baronin zu kränkeln. Der Gram nagte an ihrer Seele, und so überkam sie eines jener Gemüthsleiden, vor dem die Aerzte rathlos dastehen. Langsam siechte die einst so blühende Frau hin. Niemand wußte zu helfen.

Baron Zack haßte die Luft des Krankenzimmers, und deshalb vermied er es, seine leidende Frau aufzusuchen. Er tröstete sich damit, daß ja Aerzte und Pflege genug da waren.

Um diese Zeit machte er die Bekanntschaft einer neuen Schönheit, die in der vornehmen Gesellschaft plötzlich auftauchte.

Es war eine Frau von dreißig Jahren, mit schönen aber ernsten Zügen. Sie war der Baronin befreundet und bei Gelegenheit eines Krankenbesuches sah Baron Zack sie zum ersten Male. Frau von Wendenfels nannte sie sich.

Sofort interessirte er sich für diese neue Erscheinung, die so ganz anders war wie die Damen seiner Umgebung, die üppige Reife und die ernste Schönheit reizten ihn und er beschloß, sein Glück in der Liebe auch hier einmal zu probiren.

Aber er täuschte sich. Zum ersten Mal fiel er ab und zog mit einem regelrechten Korb von dannen. So etwas war ihm noch nicht vorgekommen und weil es den Reiz der Neuheit für ihn hatte, sagte er sich: nun erst recht werde ich werben, bis ich meinen Willen durchgesetzt habe.

Und so fing er an, dieser neuen Schönheit in einer Weise den Hof zu machen, wie er es vordem nie gathan hatte, und ob er auch stets vergeblich warb, er war zäh und geduldig und sagte: schlimmsten Falls muß eine Festung mit Sturm genommen werden.

Das Leiden seiner Frau verschlimmerte sich, und Frau von Werdenfels ward bald eine treue Freundin und Pflegerin der kranken Frau — in demselben Maße, wie sie sich den Aufmerksamkeiten des Barons entzog, widmete sie sich der Baronin mit hingebender Liebe.

Eines tages begleitete der Baron sie nach Hause.

Unterwegs wiederholte er seine Versicherungen der Dankbarkeit und Verehrung in glühenden Worten.

Und mit ruhiger ernster Stimme antwortete da die Dame: „Herr Baron, es geht in unseren Kreisen die Redensart, daß Sie viel Glück in der Liebe haben. Ich bezweifle das nicht, aber ich bedaure es.”

Erstaunt sah er sie an.

„Ich bedaure das,” sprach sie weiter, „denn dies Glück hat Sie eitel, arrogant und blind gemacht.”

„Frau Baronin —”

„Gewiß, Herr Baron. Sie halten sich für unwiderstehlich, und Sie sehen an mir, daß Sie es nicht sind.”

Er schwieg verärgert.

Sie aber fuhr fort: „Und Sie sind einfach undankbar gegen dieses Glück, das Ihnen bisher in so reichem Maße zu Theil wurde, denn daheim bei Ihnen liegt eine kranke Frau, deren ganze Krankheit darin besteht, daß sie Sie liebt und von Ihnen vernachlässigt wird. Hüten Sie sich, lieber Baron, wenn man das Glück gar zu sehr herausfordert, wendet es sich oft für immer ab.” Damit verließ sie ihn.

Sprachlos sah er ihr nach. Wie ein Schlag trafen ihn diese Worte. Er fühlte sich gedemüthigt und beschämt durch diese Frau. Langsam ging er nach Hause. Und plötzlich war seine Abscheu gegen die Luft des Krankenzimmers verschwunden und er ging hinein, sich nach dem Befinden seiner Frau zu erkundigen, er hatte das Bedürfniß, ihr ein paar liebe entschuldigende Worte zu sagen, als müsse er gutmachen, was er an ihr versündigt hatte.

Mit dankbarem Blick sah die junge Frau zu ihm auf. Sie wußte ja, daß er kommen würde!

Und von dem Tage an ging er jeden tTag seine Frau besuchen, und jeden Tag sah er, daß sie besser und besser wurde, und eines Tages, als sie gesund war, sank sie ihm an die Brust und weinte stille, glückliche Freudenthränen, da0 sie nun endlich sich gefunden hatten.

Aber Frau von Werdenfels kommt nach wie vor ins Haus, nur bekommt sie jetzt keine Galanterien vom Baron mehr zu hören, denn dieser macht jetzt nur noch seiner Frau allein den Hof.

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